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06. September 2010

Rechtsanwalt Dirk LöberDER FALL "BRUNNER" AUS DER FERNE BETRACHTET

Beitrag verfasst von:
Rechtsanwalt Dirk Löber


Das Urteil im Prozess um den Tod von Dominik Brunner ist gesprochen. Brunner hatte sich am 12.09.2009 schützend vor vier Schüler gestellt, die von den damals 18 und 17 Jahre alten Markus S. und Sebastian L. in einer S-Bahn beleidigt und bedroht wurden. Auf dem Bahnsteig wurde Dominik Brunner von den beiden jungen Männern brutal niedergeprügelt. Er erlitt insgesamt 22 schwere Verletzungen durch Tritte und Hiebe. Unmittelbare Todesursache war allerdings ein Kammerflimmern seines vorgeschädigten Herzens. Das Urteil: Markus S. muss wegen Mordes neun Jahre und zehn Monate in Jugendhaft, der Mitangeklagte Sebastian L. wegen Körperverletzung mit Todesfolge sieben Jahre. Mit diesem Strafmaß blieb das Gericht leicht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft.

Ich habe den Prozess auch nur in den Medien verfolgt und erlaube mir deshalb keine Bewertung der richterlichen Entscheidung. Als Strafverteidiger und Fachanwalt für Strafrecht gehe ich jedoch davon aus, dass die Verteidiger der beiden Angeklagten gegen das heutige Urteil Revision einlegen werden. Der bislang spektakulärste Fall dieses Jahres brachte im Laufe der Verhandlung manche Überraschung zu Tage und ließ womöglich die eine oder andere Frage offen. Unbestritten ist, dass das Opfer ein ungewöhnliches Maß an Zivilcourage zeigte. Fakt ist aber auch, dass Brunner den ersten Schlag gesetzt hat. Die Staatsanwaltschaft muss sich die Frage gefallen lassen, warum in dem von ihr bekannt gegebenen Obduktionsbericht von Brunners Herzfehler keine Rede war. Viele der insgesamt rund 50 vernommenen Zeugen widersprachen entweder sich selbst oder einander. Sie sagten vor Gericht anderes aus als bei den Ermittlungsbeamten der Polizei. Manche Zeugen konnten sich gar nicht mehr erinnern. Aus diese Zeugenaussagen einen verlässlichen Sachverhalt zu konstruieren, war für das Gericht sicherlich eine schwere Aufgabe.

Ich kann - aus der Ferne betrachtet - nur hoffen, dass das heutige Urteil ausschließlich auf einer neutralen strafrechtlichen Beurteilung der Faktenlage beruht und nicht der Versuch unternommen wurde, ein richterliches Plädoyer für die Zivilcourage zu verfassen. Letzters ist nicht die Aufgabe der Strafgerichtsbarkeit.


Stichwörter: Strafrecht, Mord, Körperverletzung mit Todesfolge, Strafverteidiger, Fachanwalt für Strafrecht, Revision.