Anwaltsbloh         



06. Juli 2011

Rechtsanwalt Dirk LöberMUSS DER CHEF GEGRÜSST WERDEN?

Beitrag verfasst von:
Rechtsanwalt Torsten Sonneborn

In einem im Jahr 2005 geführten Rechtsstreit hatte sich das Landesarbeitsgericht Köln als Berufungsgericht mit der Frage zu beschäftigen, ob es einen Grund für eine verhaltensbedingte Kündigung darstellt, wenn ein Arbeitnehmer seinen Chef nicht grüßt. Auch wenn diese Entscheidung bereits etwas älter ist, soll an dieser Stelle auf die wesentlichen Erwägungen des Gerichts hingewiesen werden, denn nach meinen Erfahrungen als Fachanwalt für Arbeitsrecht wird in letzter Zeit das Nichtgrüßen des Chefs wieder vermehrt zum Anlass für "Bagatellkündigungen" genommen.

Der Fall: Ein Unternehmen, dass mit Bäckereimaschinen handelt, hatte seinem Außendienstmitarbeiter nach mehr als zehnjähriger Beschäftigungszeit gekündigt und begründete dies primär mit einer betrieblichen Umorganisation. Zudem warf es dem Arbeitnehmer vor, unmittelbar vor Ausspruch der Kündigung bei zwei Begegnungen außerhalb des Betriebes den Geschäftsführer in Anwesenheit weiterer Personen nicht gegrüßt zu haben. Der Arbeitnehmer verteidigte sich im Kündigungsschutzverfahren damit, es könne ihm nicht vorgeworfen werden, bei einem rein privaten Aufeinandertreffen anlässlich eines Waldsparziergangs nicht gegrüßt zu haben. Dieses sei auf jeden Fall ein entschuldbares Verhalten, denn der nicht gegrüßte Geschäftsführer habe ihm zuvor mündlich zu verstehen gegeben, dass er ihn wegen krankheitsbedingter Fehlzeiten entlassen wolle.

Die Entscheidung: Das Landesarbeitsgericht Köln hat die Verweigerung des Grußes nicht als Kündigungsgrund anerkannt und auch den Antrag des Arbeitgebers abgewiesen, das Arbeitsverhältnis aus diesem Grunde gegen Zahlung einer Abfindung aufzulösen. Dieses ist nach § 9 Kündigungsschutzgesetz (KSchG) möglich, wenn Gründe vorliegen, die eine den Betriebszwecken dienliche weitere Zusammenarbeit nicht erwarten lassen.
In der Urteilsbegründung heißt es wörtlich:

"Die mehrfache Verweigerung des Grußes gegenüber dem Geschäftsführer nach dessen vorherigem Gruß stellt keine - grobe - Beleidigung dar, die zum Ausspruch einer Kündigung berechtigen könnte."

Durch das Verweigern des Grußes nach einem Personalgespräch könnten Arbeitnehmer ihre Verärgerung oder Verstimmung anzeigen, ohne damit eine Ehrverletzung zu bezwecken. Der Arbeitgeber, den dies stört und der nicht abwarten will, ob der Arbeitnehmer bald wieder zu dem im Betrieb und außerhalb des Betriebes üblichen Grüßen zurückkehrt, habe die Möglichkeit, den Arbeitnehmer zu einem weiteren Personalgespräch zu bitten und ihn dabei daran zu erinnern, dass bei allem Verständnis für die aktuellen Gefühle des Arbeitnehmers doch die üblichen Umgangsformen gewahrt werden sollten.

Fazit: Das einmalige oder wiederholte Nichtgrüßen des Chefs stellt damit nicht ohne weiteres einen Kündigungsgrund dar. Aber Vorsicht: Ob die dauerhafte Verweigerung des Grußes auch nach einer Abmahnung einen Kündigungsgrund darstellen kann, hatte das Landesarbeitsgericht Köln nicht zu entscheiden. Aus diesem Grunde rate ich als Fachwanwalt für Arbeitsrecht dringend davon ab, das Grüßen des Chefs unter Berufung auf das Urteil vom 29.11.2005  beharrlich zu verweigern!

Landesarbeitsgericht Köln
, Urteil vom 29.11.2005 - 9 (7) Sa 657/05

Stichwörter: Arbeitsrecht, Kündigung, Umgangsformen, Nichtgrüßen des Chefs, Beleidigung, Ehrverletzung, Abmahnung.

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