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02. August 2011

Rechtsanwalt Dirk LöberSEXUELLE BELÄSTIGUNG AM ARBEITSPLATZ 

Beitrag verfasst von:
Rechtsanwalt Torsten Sonneborn

Arbeitsgerichte haben sich immer wieder mit sexuellen Belästigung von Arbeitnehmerinnen am Arbeitsplatz zu beschäftigen. Nach einer als als kurios zu bezeichnenden Entscheidung eines Wiener Arbeits- und Sozialgerichts aus den 90er Jahren können angeblich nur attraktive Arbeitnehmerinnen Ziel sexueller Belästigungen sein. Das Gericht hatte über die Klage einer österreichischen Arbeitnehmerin zu befinden, mit der sich diese gegen angebliche sexuelle Übergriffe durch einen Vorgesetzten zur Wehr setzen wollte. Aufgrund des Missverhältnisses zwischen dem Äusseren des Vorgesetzten, eines überdurchschnittlich gut aussehenden gepflegten Mannes, und demjenigen der Klägerin, der nach Auffassung der Richterin (!) jegliche Attraktivität fehle und die auch wenig Wert auf ein gepflegtes Äusseres lege, wurde die Klage als unbegründet abgewiesen, und zwar mit der Begründung, dass es geradezu lebensfremd sei, den Vorwürfen der Arbeitnehmerin Glauben zu schenken.

Zum Glück ist die Rechtsprechung der deutschen Arbeitsgerichte weitaus weniger chauvinistisch. Exemplarisch kann in diesem Zusammenhang eine Entscheidung des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein vom 27.09.2006 genannten werden. In diesem Rechtsstreit stritten die Parteien über die Wirksamkeit zweier fristloser, hilfsweise fristgemäßer Kündigungen, die der Arbeitgeber gegen den Kläger wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung ausgesprochen hatte. Das Gericht kam zu folgenden Feststellungen:

1. Für die Bewertung einer Handlung als sexuelle Belästigung kommt es nicht auf eine etwaige "Attraktivität" der Betroffenen an. Eine sexuelle Belästigung erhält nicht dadurch weniger Gewicht, dass ein am Verfahren Beteiligter die Betroffene nicht attraktiv und anziehend findet und deshalb deren Empfindung einer Handlung als sexuelle Anmache für abwegig hält.

2. Für die Frage der Bewertung einer Handlung als sexuelle Belästigung ist das Bildungsniveau der betroffenen Person unbeachtlich. Ebenso ist nicht von Bedeutung, ob die Arbeitnehmerin Bild-Leserin ist und manchmal einen burschikosen Umgangsstil zeigt.

Fazit: Nach zutreffender Auffassung des Landesarbeitsgerichts können auch einfach strukturierte Frauen mit geringer Bildung das Opfer von sexuellen Belästigungen sein. Wer hätte das gedacht?

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 27.09.2006 - 3 Sa 163/06

Stichwörter: Arbeitsrecht, sexuelle Belästigung, Attraktivität, Bildungsniveau, Arbeitsgericht.

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