Anwaltsbloh         



06. Januar 2011

Rechtsanwalt Dirk LöberFREISPRUCH IM LÜDENSCHEID SHAKEN-BABY-PROZESS!

Beitrag verfasst von:
Rechtsanwalt Dirk Löber

Am 18.10.2010 hatte ich an dieser Stelle über den ersten Verhandlungstag im Lüdenscheider Schüttel-Baby-Prozess berichtet [Blogeintrag lesen]. Über die Fortsetzung der Verhandlung berichtete ich am 29.10.2010 [Blogeintrag lesen].Gestern ging das erstinstanzliche Verfahren in die letzte Runde und endete zur Freude aller neutralen Prozessbeobachter mit einem Freispruch meiner Mandantin, weil das Gericht nicht auschließen konnte, dass die Verletzungen des Kindes durch einen Sturz verursacht wurden. Im Zweifel für die Angeklagte!

Meine Mandatin gab gegenüber den Ermittlungsbehörden an, dass ihr Sohn aus seinem Maxi-Cosi gefallen sei. Dass das Leben des Kindes gerettet werden konnte, ist dem Umstand zu verdanken, dass die junge Mutter sofort den Notarzt verständigte. Ein medizinisches Gutachten soll angeblich belegen, dass die Einblutungen im Kopf des Kindes für ein mehrmaliges Schütteln des Kindes sprechen. Der Prozess gegen die 30-jährige Frau hat am 15.10.2010 begonnen und sorgte in der Presse für großes Aufsehen. Im zweiten Verhandlungstermin wurde nur eine einzige Zeugin vernommen, und zwar eine Erzieherin, von der meine Mandantin derzeit pädagogisch und psychologisch betreut wird.

Ich hatte seinerzeit beantragt, dass das Amtsgericht ein zweites Gutachten einzuholt, damit ein weiterer
medizinischer Sachverständiger im Sinne der Verteidigung belegt, dass die Hirnblutungen des Kindes nicht zwingend durch ein Schütteln entstanden sein müssen. Zum Sachverständigen ernannt wurde Dr. med. Jan Sperhake vom Institut für Rechtsmedizin beim Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dieser Sachverständige gab an, dass nicht sicher festgestellt werden könne, ob ein Shaken-Baby-Syndrom oder ein Sturz Ursache der Verletzungen war. Gleichwohl hatte die Staatsanwaltschaft 22 Monate Haft auf Bewährung beantragt.

Hiervon ließ sich das Amtsgericht Lüdenscheid in Person des Richters Kabus zum Glück nicht beeindrucken und tat aus meiner Sicht das einzig Richtige, indem es meine Mandantin freisprach. Es bleibt nun abzuwarten, ob die Staatsanwaltschaft gegen dieses Urteil Rechtsmittel einlegt.

Es versteht sich von selbst, dass dieser Prozessausgang in der lokalen Presse für Schlagzeilen gesorgt hat:

Freispruch   Freispruch2

Zum Shaken-Baby-Syndrom (SBS) kann ich als Strafverteidiger selbstverständlich nicht mit großartigen medizinischen Erläuterungen dienen. Unter SBS versteht man die Konstellation subduraler Hämatome (Unterblutungen der harten Hirnhaut) und meist ausgeprägter retinaler (=Netzhaut) Blutungen, mit schweren und prognostisch ungünstigen, diffusen Hirnschäden durch schweres Schütteln eines Säuglings verstanden. Ein SBS in seiner ganzen Ausprägung erfordert massivstes, heftiges, gewaltsames Hin- und Herschütteln eines Kindes welches zu unkontrolliertem Umherrotieren des kindlichen Kopfes führt. Daraus resultieren Abrisse von Blutgefässen und Nervenverbindungen sowie eine Hirnschwellung, u.a. durch einen initialen, kurzzeitigen Atemstillstand. Um Gehirnschädigungen, wie sie für das SBS typisch sind, hervorzurufen, sind erhebliche physikalische Kräfte erforderlich.

Soweit die Theorie - wie der vorliegende Fall deutlich zeigt, können sich Mediziner bei der Diagnose eines
Shaken-Baby-Syndroms durchaus irren. Umso erfreulicher ist es, dass es auch Sachverständige gibt, die nicht meinen, sich um jeden Preis auf eine gesicherte Diagnose festlegen zu können, sondern auch Alternativursachen als denkbar in Erwägung ziehen. Dies kann dann - wie im Lüdenscheider Shaken-Baby-Prozess - zum Freispruch mangels Beweisen führen.

Amtsgericht Lüdenscheid, Urteil vom 04.11.2011 - 70 Ls-643 Js 9/10-35/10

Stichwörter: Strafrecht, Freispruch, Shaken Baby Syndrom, SBS, Schütteltrauma, Misshandlung von Schutzbefohlenen, zweites Gutachten.

Share | Beitrag weiterempfehlen via Twitter, Facebook & Co.